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Warum nicht alle Menschen Ganzjahres-Alltagsradler sind – ein Erklärungsversuch

 

Wie jeden Tag war ich gerade 20 Minuten mit dem Rad unterwegs von der Arbeit nach Hause. Nur dass heute der erste Tag nach der Winterzeitumstellung ist und es erstmals stockfinster war. Und heute schwamm ich mehr als ich fuhr. Nach einer langen Trockenperiode gab es sintflutartige Regenfälle und die Straßen standen stellenweise knöcheltief unter Wasser. Ich hatte ein gutes Regengewand an und mein Fahrrad hat ein helles Licht. Die Bewegung nach einem sitzend verbrachten Tag im Büro zwischen Gesprächen und am Computer tat gut. Ich genoss die Fahrt, wie ich so gut wie jede Radfahrt genieße. Ich begegnete sogar zwei anderen Radfahrern. Wenn es heller und trockener ist, sind auf dieser Strecke wesentlich mehr Radfahrer unterwegs. Es ist eine der Hauptverbindungsrouten zwischen der kleinen Stadt und den Vorderlandgemeinden.

 

Wenn ich meine Kinder oder andere Normalsterbliche frage, weshalb sie heute nicht mit dem Fahrrad gefahren sind, zeigen sie mir den Vogel und fragen: „Bei dem Wetter?“ Nun, für mich und andere Alltagsradler, die es gewöhnt sind, das ganze Jahr mit dem Rad zu fahren, ist es nichts Besonderes, einmal im Regen unterwegs zu sein. Zu Hause – oder auch im Büro – ziehe ich mich um, hänge die nassen Sachen auf den Wäscheständer, stelle die Schuhe in einen warmen Raum und freue mich, dass ich ein warmes, trockenes Zuhause habe. Was sollte mich davon abhalten, radzufahren, nur weil es ein wenig nass und kühl draußen ist? Ja, das bin ich und es gibt eine ganze Reihe anderer Menschen, die auch so denken. Die Mehrheit ist es nicht. Die Mehrheit, zumindest in den meisten Teilen Europas, ist bei solchen Verhältnissen froh, wenn sie ein Auto hat oder wenigstens einen Autobus und eine überdachte Haltestelle nutzen kann, um von A nach B zu kommen. Die Mehrheit ist ein seltsames Wesen aus Sicht des routinierten Alltagsradlers.

 

Was ist nun das Besondere an dieser seltsamen Spezies „Mehrheit“, dass sie bei etwas Nässe und kühler Luft das schönste Verkehrsmittel der Welt, das Fahrrad nicht mehr verwenden mag? In den letzten kühler werdenden Tagen stellte ich dazu folgende Beobachtungen an und hörte auf meine Fragen folgende Aussagen:

 

Sobald es etwas kühler ist, es knapp unter zehn Grad Celsius hat oder gar ein paar Tropfen oder mehr regnet, sind rund 90 % der Radfahrer von den Straßen verschwunden. Auf Fragen, was sie davon abhält, auch bei Abweichungen von scheinbaren Ideal-Bedingungen (20-25 Grad Celsius, trockene, asphaltierte, ebene Straße, angenehmes Tageslicht) radzufahren, hörte ich:

 

„Das ist mir zu unbequem. Ich habe keine Lust, mich in Regenhosen zu zwängen. Ich brauche zehn Minuten länger, wenn ich mich so viel an- und ausziehen muss. Das ist viel Zeit; vor allem in der Früh. Dazu habe ich keine passende Ausrüstung – ich werde nass. Es ist kalt und wenn ich mich warm anziehe, schwitze ich beim Radfahren. Ich will nicht verschwitzt ankommen. Das ist mir zu umständlich. Ich mag einfach nicht. Radfahren kostet mich überhaupt zu viel Zeit. Ich habe keine Lust zum Fahrradputzen“.

 

Allen diesen – aus Sicht einer Alltagsradfahrerin und eines Alltagsradfahrers – Ausreden gemeinsam ist, dass sie der Abwehr von Umständen und in den meisten Fällen wahrscheinlich auch der Abwehr von Veränderungen dienen.

 

Der Mensch tendiert dazu, sich möglichst energiesparend zu verhalten. Energiesparend bedeutet dabei die eigene Anstrengung zu sparen, was nicht gleichbedeutend mit einem global gedachtem Energiesparen ist. Sparsam ist vor allem auch, das zu tun, was man gewohnt ist. Bei gewohnten Tätigkeiten schaltet unser Gehirn in den Sparmodus und braucht nur etwa ein Drittel der Energie, die es bei neuen Tätigkeiten braucht. Das alleine könnte bereits Grund genug sein, dass wir Menschen uns grundsätzlich konservativ verhalten. Der Alltagsradler, der das tägliche Radfahren gewohnt ist, müsste sich anstrengen, seine Gewohnheit zu verändern und bleibt deshalb Alltagsradfahrer. Daran ist nichts Heldenhaftes. Der Autofahrer müsste sich noch viel mehr anstrengen, seine Gewohnheit zu verändern, denn er übt eine Tätigkeit aus, die zwar nicht seinem Organismus entspricht, die aber seine persönliche Energie beinahe maximal spart. Sie zu verändern wäre zwar vielleicht vernünftig, aber kostet viel persönliche Energie. Eine Person, die viele ihrer Alltagswege mit dem Auto unterwegs ist und dann aus bewusster Entscheidung ihr Mobilitätsverhalten ändert, verdient Bewunderung. Vielleicht hat es ihr Hausarzt aus gesundheitlichen Gründen empfohlen oder sie hat erkannt, dass das Autofahren für unser Klima und unsere Umwelt sehr schädlich ist und will deshalb etwas verändern. Dass sie den Schritt tatsächlich macht, ist eine starke Leistung. Wenn dieser Schritt tatsächlich beibehalten wird, bis sich eine neue Gewohnheit entwickelt hat, ist es eine wirklich großartige Sache. Damit sie gelingt, ist hohe Motivation und Unterstützung von außen notwendig. Außer die betreffende Person ist von sich aus sehr willensstark, bis hin zu Sturheit, mit der eine (neue) Sache verfolgt wird.

 

Die Unterstützung von außen ist eine soziale und gesellschaftliche Angelegenheit. In Gesellschaften, in welchen Alltagsradfahren das Normalste der Welt ist, ist es wesentlich leichter als in Umgebungen, in welchen Radfahrer als Exoten oder waghalsige Spinner angesehen werden. Die meisten von uns Menschen werden gerne als normal angesehen und wollen sich in der Mitte einer Gemeinschaft oder Gesellschaft erleben. Nur sehr unabhängige Menschen oder Einzelgänger brauchen das Gefühl nicht, dabei und anerkannt zu sein. Am leichtesten gelingt daher eine energieaufwändige Veränderung, wenn der Mensch, der sie vollzieht, viel Zuspruch erhält. In einer Gesellschaft, welche das Radfahren gerade als etwas Wertvolles entdeckt und in der es gerade wirklich „cool“ ist, ist es demnach am leichtesten, das Radfahren zur Gewohnheit werden zu lassen.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Fahrradbande Kiel (Samstag, 03 November 2018 09:56)

    Toller Beitrag!

    entgegen des aktuellen Trends, der nur polarisieren möchte, ist dieser Artikel sehr harmonisch...ich denke, das ist auch der richtige Weg.
    Danke für diese Ausführung